Diskrete Hilfe in der Apotheke

Häusliche Gewalt ist auch in der Schweiz weit verbreitet

TEXT: GREGORY NENNIGER, SCHWEIZERISCHER APOTHEKERVERBAND PHARMASUISSE 

Häusliche Gewalt ist auch in der Schweiz weit verbreitet. Sie betrifft Menschen aller Altersgruppen und sozialen Schichten. Viele Betroffene sprechen nicht darüber – aus Angst, Scham oder Unsicherheit. Fachstellen gehen davon aus, dass viele Fälle nie angezeigt werden. Umso wichtiger sind Orte, an denen Hilfe niederschwellig und diskret möglich ist. Genau hier kommen Apotheken ins Spiel.

Apotheken sind für viele Menschen ein vertrauter Ort. Sie sind gut erreichbar, ohne Termin zugänglich und werden regelmässig besucht. Diese Nähe schafft Vertrauen – eine wichtige Voraussetzung, wenn es um sensible Themen wie häusliche Gewalt geht. Gerade weil diese häufig im Stillen passiert, suchen Betroffene nicht sofort spezialisierte Beratungsstellen oder die Polizei auf. Stattdessen wenden sie sich eher an Orte in ihrem Alltag – zum Beispiel an die Apotheke. Denn: Die Apotheke ist auch deshalb eine geeignete Anlaufstelle, weil niemand weiss, warum sie aufgesucht wird – im Gegenteil zu einer Opferberatung. Hinzu kommt, dass die Apotheke gerade im Falle von körperlichen Verletzungen eine logische Anlaufstelle ist.

Gut zu wissen

Die stärkere Einbindung von Apotheken entspricht auch der nationalen Präventionskampagne «Gleichstellung verhindert Gewalt». Mit ihr wollen Bund, Kantone und Fachorganisationen Warnsignale früher erkennen und Hilfsangebote sichtbarer machen.

Warum Apotheken helfen können

Apothekenteams stehen täglich in Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen. Dabei können sie manchmal Veränderungen oder Auffälligkeiten bemerken: körperliche Beschwerden, wiederholte Verletzungen oder auch Zeichen von Angst und Unsicherheit.

Häusliche Gewalt ist nicht immer sichtbar. Oft zeigt sie sich subtil – etwa durch Schlafprobleme, Stress oder psychosomatische Beschwerden. Deshalb wird das Apothekenpersonal gezielt geschult. Ziel ist es, mögliche Anzeichen früh zu erkennen und betroffene Personen behutsam anzusprechen – ohne Druck, aber mit Verständnis.

Diskret und respektvoll

Wichtig ist: Apotheken ersetzen keine Beratungsstellen oder Behörden. Ihre Rolle ist eine andere. Sie bieten ein offenes Ohr, eine erste und vertrauliche Einschätzung sowie Informationen zu professionellen Hilfsangeboten. Das Gespräch bleibt diskret. Niemand wird zu etwas gedrängt. Betroffene entscheiden selbst, ob – und wenn ja, wie – sie weitere Unterstützung in Anspruch nehmen möchten.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Was Sie in der Apotheke erwarten können:

  • Diskrete Gespräche in geschützter Umgebung
  • Geschultes Personal mit Verständnis für die Situation
  • Informationen zu Beratungsstellen und Hilfsangeboten
  • Unterstützung bei den nächsten Schritten

Wichtig zu wissen:

  • Sie bestimmen, was Sie erzählen möchten
  • Sie entscheiden selbst über das weitere Vorgehen
  • Alle Gespräche werden vertraulich behandelt

Weitere Hilfe:

  • Opferhilfe Schweiz (kostenlos, vertraulich)
  • Nationale Beratungshotline 142
  • Polizei im Notfall: 117

Vom Medikament zur Hilfe

Früher stand in Apotheken vor allem die Abgabe von Medikamenten im Vordergrund. Heute geht es zunehmend auch darum, Menschen ganzheitlich zu unterstützen. Wenn ein Verdacht auf häusliche Gewalt besteht, sollen Apotheken nicht einfach nur sichtbare Verletzungen behandeln und zuhören, sondern aktiv auf Unterstützungsmöglichkeiten hinweisen. Das kann ein entscheidender erster Schritt sein – hin zu mehr Sicherheit und Unterstützung.

Geschultes Personal – sichtbar nach aussen

In vielen Kantonen der Schweiz haben die meisten Apotheken entsprechende Schulungen bereits absolviert.

Diese vermitteln Wissen über Formen und Dynamiken häuslicher Gewalt, typische Warnzeichen, Gesprächsführung in schwierigen Situationen und regionale Hilfsangebote.

Apotheken, deren Mitarbeitende diese Schulung absolviert haben, kennzeichnen dies häufig mit einem sichtbaren Hinweis im Schaufenster. Dieses Zeichen signalisiert: Hier finden Betroffene ein geschultes Team, das weiss, wie man hilft – diskret, respektvoll und kompetent.

Die Einbindung von Apotheken ist Teil einer grösseren Strategie gegen häusliche Gewalt. Dabei arbeiten Kantone, Fachstellen und Gesundheitsberufe enger zusammen. Ziel ist es, ein möglichst dichtes Netz an Anlaufstellen zu schaffen. Je einfacher der Zugang zu Hilfe, desto grösser die Chance, dass Betroffene Unterstützung finden. Apotheken sind dabei ein wichtiger Baustein – mitten im Alltag der Bevölkerung.

Schweigen brechen – Hilfe annehmen

Häusliche Gewalt betrifft nicht nur jüngere Frauen. Auch ältere Menschen können betroffen sein – oft besonders unsichtbar. Gerade sie besuchen häufig regelmässig eine Apotheke. Dadurch kann das Fachpersonal Veränderungen über längere Zeit beobachten und bei Bedarf behutsam reagieren. Jedoch sind nicht ausschliesslich Partnerinnen oder Partner Opfer von häuslicher Gewalt. Nach Angaben des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung sind in der Schweiz jedes Jahr rund 27 000 Kinder von Gewalt zwischen den Eltern betroffen.

Ganz generell gilt: Viele Betroffene zögern lange, bevor sie Hilfe suchen. Doch niemand muss mit Gewalt allein bleiben. Ein Gespräch in der Apotheke kann ein niederschwelliger, unbürokratischer erster Schritt sein. Ohne Verpflichtung – aber mit der Möglichkeit, Unterstützung zu finden.

Hier finden Sie Ihre nächste Apotheke: www.ihre-apotheke.ch

Foto: ©Nadia L-peopleimages.com/AdobeStock

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