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Lebensenergie: Auf der Suche nach Quellen der Kraft

Der Frühling gilt als Zeit des Aufbruchs. Aber nicht durchwegs allen Menschen fällt es leicht, mit kräftigem Schwung auf ihr Leben zuzugehen. Sie sind auf der Suche nach Kraft und Lebensenergie. Prof. Manuel Battegay, Chefarzt am Universitätsspital Basel, beschäftigt sich im beruflichen wie im privaten Umfeld mit dem Woher und Wohin des Lebens.

Herr Professor Battegay, vor einer schweren Operation oder einem anderen schwierigen Lebensereignis und ganz besonders bei einem Trauerfall wird den Betroffenen viel Kraft gewünscht. Wo findet man sie, diese Kraft?
Prof. Manuel Battegay*: Diese sehr persönliche Frage kann von jedem Menschen nur ganz individuell beantwortet werden. Was mich anbelangt: Für mich liegen auch in belastenden Situationen die Kraft und ebenso der Sinn des Lebens in den Beziehungen zu den Mitmenschen. Als Arzt versuche ich, für Patienten und Angehörige da zu sein, ihnen aber Raum zu lassen, damit Trost und Kraft überhaupt möglich werden. Wer einem anderen Menschen Kraft schenken möchte, muss versuchen, ihm Halt und ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln. Im persönlichen Umfeld kann man dieses Gefühl schon damit zum Ausdruck bringen, dass man ganz konkret Hilfe bietet und etwa darauf achtet, dass jemand nicht allein ist.

Vermutlich benötigt ein Arzt sehr viel Stärke, wenn er der Überbringer einer schlimmen Nachricht sein muss?
Als junger Assistent dachte ich, dass ich solch traurigen Situationen nicht gewachsen sein würde. Aber wer Empathie empfindet, tut wahrscheinlich doch das natürlich Richtige. Ärztinnen und Ärzte sollten beim Überbringen einer schlimmen Nachricht weder falsche Hoffnungen wecken noch sich aus Scheu vor der Tragik eines schweren Schicksals in kaum verständliche Detailschilderungen flüchten.

Eine unvermittelt auftretende, ernsthafte Erkrankung, ein Unfall oder andere Schicksalsschläge wie etwa der Verlust der Arbeitsstelle werden häufig als Schock erlebt. Kann sich ein solcher auch ganz direkt und negativ auf Organfunktionen auswirken?
Auf diesem Gebiet bin ich nicht spezialisiert. Aber mit Sicherheit ist es so, dass sich nicht allein der Moment des Schocks auf den Körper auswirkt und etwa einen Blutdruckabfall bewirkt. Ein Schicksalsschlag kann eine Depression auslösen – von der wir wissen, dass sie Körperfunktionen und ebenso die Körperabwehr sehr wahrscheinlich beeinträchtigt.

Was halten Sie von der bekannten Formulierung, dass jede Krise gleichzeitig eine Chance zu bieten habe?
Patienten haben mir manches Mal aufgeregt berichtet, dass ihnen gesagt worden sei, ihre Krankheit sei eine Chance für sie. Ein Patient kann von «Krise als Chance» sprechen, wenn er dies so empfindet. Als Aussenstehender ist man dazu aber nicht befugt. In diesem Zusammenhang halte ich die Formulierung für übergriffig.

In einem Interview erwähnten Sie solide Wurzeln, aber auch ein gesunder Selbstwert seien Quellen der Kraft. Welche Wurzeln geben Halt?
Was mich anbetrifft, bestehen die Wurzeln aus dem Aufwachsen in einer Familie mit Eltern und Brüdern. Mit ihnen bin ich sehr herzlich verbunden – mein Vater ist vor drei Jahren gestorben. Und seit sehr vielen Jahren sind es meine Frau, meine Kinder, deren Partnerin und Partner und Enkelkinder, die Leben versprühen und Freude geben. Freunde und Bekannte gehören ebenso dazu. Der täglichen Arbeit kann ich Freude und Inspiration entnehmen. Kraft schöpfen kann man auch aus der Kultur, in der man lebt, die einen umgibt oder der man begegnet. In meinem Fall ist dies die Kultur des Baslerischen, des Schweizerischen und des Jüdischen – aber auch die vielfältige afrikanische Kultur, die ich beruflich in Tansania antreffe. Ganz wesentliche Kraftquellen sind Optimismus und Lebensfreude. Für mich beinhaltet dies gute Gespräche, Wanderungen, Musik, Fotografieren und Lesen.

Würden Sie auch Humor als Kraftquelle bezeichnen?
Ja, sicher. In der Klinik habe ich gelernt, dass manchmal in schwierigen Situationen der Humor ein Ventil sein kann, das einen stützt und trägt. Humor ist in diesem Fall sogar mehr als ein Ventil, weil er Einblick gibt in die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins.

Und wie bildet sich der Selbstwert eines Menschen?
Der Selbstwert des Individuums nährt sich von der Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen – und vor allem von der Erfahrung von Liebe, auch in schwierigen Lebensphasen.

In einem Gespräch haben Sie einen Lehrsatz des jüdischen Gelehrten Rabbi Hillel zitiert: «Wenn ich nicht für mich bin, für wen dann? Wenn ich nur für mich bin, was dann? Wenn nicht jetzt, wann dann?» Geht es hier um eine Art Formel für das, was man als Lebenskraft bezeichnet?
Hier haben wir es mit einem wunderbar ehrlichen, pragmatischen Zitat zu tun – es ist so nahe bei uns! Für ein faires Zusammenleben und für ein gutes Diskussionsklima brauchen wir einen gesunden Selbstwert und die Fähigkeit, für unsere eigene Sache einzustehen. Schauen wir jedoch immer nur auf uns selbst und unseren Standpunkt, verhalten wir uns gegenüber der Gesellschaft unfair und unsolidarisch. Die Formulierung «Wenn nicht jetzt, wann dann?» will uns an die Begrenztheit unseres Lebens erinnern.

Nicht immer sind es grosse Lebensereignisse, die uns aus der Spur werfen. Auch der alltägliche Stress, unsere kleinen Niederlagen und unsere Versagensängste können uns Kraft abziehen. Was würde Rabbi Hillel raten?
Ich weiss nicht, welchen Rat Rabbi Hillel uns geben würde. Meine spontane Antwort: Wir müssen doch nicht alle Supermänner und Superfrauen sein oder – noch schlimmer – als Superkinder umherlaufen. Es ist völlig absurd, ständig den Druck zu erhöhen: Wir sollten erkennen, wo unsere Grenzen sind und dann zu dieser Begrenzung stehen.

Im Frühjahr haben recht viele Menschen das Bedürfnis, den Organismus zu entlasten, neu Atem zu schöpfen und eine Art seelisches Reinemachen in Gang zu setzen. Ist solch ein Neubeginn möglich oder viel eher ein liebenswürdiges Trugbild?
Im Judentum, aber wohl auch in anderen Religionsgemeinschaften, existiert dieser Gedanke der Umkehr und des Neubeginns. Das besinnliche jüdische Neujahrsfest Rosh Hashana – das allerdings im Herbst gefeiert wird – leitet einen Denkprozess ein. Jeder einzelne Mensch soll sich Fragen stellen: «Wo bin ich? Was habe ich aus meinem Leben – dem Wertvollsten, das mir gegeben worden ist – im vergangenen Jahr gemacht? Wohin gehe ich? Habe ich meine besonderen Fähigkeiten weiterentwickelt?»

Dies sind Fragen, die man als Lebens- und ebenso als Menschheitsfragen bezeichnen könnte.
Ja, es geht hier um Fragen, die sich nicht nur jedem Individuum, sondern uns allen als Gemeinschaft stellen. «Haben wir als Gemeinschaft genug und das Richtige getan?» Mit dem Fest Jom Kippur schliesst sich im jüdischen Jahresverlauf der Zyklus mit dem Thema Versöhnung.

Geht es um Versöhnung mit den eigenen Unzulänglichkeiten und Begrenztheiten?
Für mich geht es um eine «Versöhnungsdeklination». Versöhnung: Ich mit mir, du mit mir, wir mit uns, wir mit euch usw. Dies mag nun etwas abstrakt klingen, ist es aber überhaupt nicht. Die ganze «Deklination» bezieht sich auf durchaus konkrete Situationen aus dem Alltag, auf das Ich, das Du, das Wir. Aus meiner Sicht wäre es gut und auch eine Kraftquelle, wenn wir diesen Versöhnungsgedanken regelmässig reflektieren würden – und dann auch etwas ändern oder neu beginnen würden.

* Prof. Manuel Battegay ist Chefarzt für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel.

Dieser Artikel erschien in einer Ausgabe der astreaAPOTHEKE und wurde für die Website angepasst. Die vollständige Ausgabe der astreaAPOTHEKE ist jeweils in der Apotheke erhältlich und erscheint zehnmal im Jahr.