Deutsch

Schmerz: Was ist Hypochondrie?

Verhalten sich Hypochonder ungefähr gleich wie Simulanten oder ist Hypochondrie ein Krankheitsbild? Die Expertin Frau Professor Stefanie Jungmann beschäftigt sich ausführlich mit diesem Thema.

Frau Professor Jungmann, unter einem Hypochonder versteht man landläufig einen übertrieben ängstlichen Menschen, der sich Krankheiten bloss einbildet. Wie erklären Sie als Fachfrau den Begriff Hypochondrie?
Jun.-Prof. Dr. Stefanie Jungmann*:
Fachleute vermeiden die Bezeichnung «Hypochonder», weil diese einen Menschen gleichsam auf eine Verhaltensweise reduziert. Der Begriff «Hypochondrie» wiederum hat im historischen Verlauf seine Bedeutung mehrfach gewechselt, hatte jedoch immer einen negativen Beigeschmack. Heute spricht man in Fachkreisen von Menschen mit ausgeprägten Krankheitsängsten oder der Diagnose einer Krankheitsangststörung.

Mediziner und Psychologen geben häufig den Rat, man solle auf seinen Körper hören. Wo verläuft die Grenze zwischen einer der Gesundheit förderlichen Selbstbeobachtung und Krankheitsangst?
Menschen mit Krankheitsängsten beobachten ihren Körper häufig mit Hypervigilanz. Das heisst sie schenken körperlichen Vorgängen oder auch Veränderungen eine hohe Aufmerksamkeit. Sie lenken gleichsam einen grell leuchtenden Scheinwerfer auf ihren Körper oder einzelne Körperzonen. In der kognitiven Verhaltenstherapie versuchen wir, dieses Scheinwerferlicht etwas zu reduzieren. Es stellt sich jedoch auch die Frage: Nehmen Menschen mit pathologischen Krankheitsängsten Körpervorgänge sensitiver und besser wahr?

Kennt man die Antwort?
In vergleichenden Tests ist festgestellt worden, dass beispielsweise die Wahrnehmung der Herzschlagtätigkeit – die Herzschläge mussten gezählt werden – bei Personen mit Krankheitsängsten im Durchschnitt weniger präzise war als bei Nichtbetroffenen. Was ein Hinweis darauf sein kann, dass diese Menschen Schwierigkeiten haben, körperliche Empfindungen in der jeweiligen Situation angemessen einzuschätzen. Erste Studien weisen zudem darauf hin, dass die Fähigkeit, Körpersignale wahrzunehmen, trainiert werden kann.

Im Theaterstück «Der eingebildete Kranke» von Molière spielt ein Mann die Hauptrolle, der mit fiktiven Krankheiten sein ganzes Umfeld manipuliert und auf Trab hält. Sind Krankheitsängste manchmal auch Mittel zum Zweck?
Ein derartig manipulatives Verhalten ist bei Krankheitsängsten nicht üblich. Es kann aber schon vorkommen, dass Personen versuchen, ihre Angehörigen von der Ernsthaftigkeit ihrer Beschwerden zu überzeugen. Was Sie mit Ihrer Frage ansprechen, geht eher in die Richtung einer sogenannten artifiziellen Störung. Die Betroffenen täuschen Symptome vor, um die Rolle eines Kranken zu erhalten. Eine weitere und andere Spielart ist die Simulation: Da wird ein Symptom vorgetäuscht, um einer unangenehmen Situation oder einer Bestrafung auszuweichen.

Eine renommierte Schweizer Psychologin erzählt, dass sie sofort und gegen besseres Wissen in Panik gerate und eine Spital-Notfallstation aufsuche, wenn sie beispielsweise in der Nacht unregelmässige Herzschläge oder ein Ziehen im Kopf spüre.
Auch intellektuell tätige und durchaus logisch denkende Menschen können von pathologischen Krankheitsängsten heimgesucht werden. Sie sagen mir dann etwa: «Frau Jungmann, ich weiss, dass es unsinnig ist. Aber ich habe das dringende Bedürfnis nach Rückversicherung und muss gesagt bekommen, dass ich nicht an einer Krankheit leide.» Sie brauchen die Versicherung, dass alles in Ordnung ist. Wir alle wissen, dass wir uns nicht hundertprozentig auf unsere Gesundheit verlassen können. Mit dieser Tatsache können die meisten Menschen umgehen. Aber manchen gelingt dies eben nicht oder nur ganz schwer. Sie sind möglicherweise mit einer zu Ängstlichkeit neigenden Persönlichkeit ausgestattet oder haben bestimmte prägende Erfahrungen gemacht. Vielleicht sind sie anfälliger geworden, weil ihre Eltern bei kleineren körperlichen Auffälligkeiten unmittelbar den Arzt aufgesucht hatten – oder sie haben ziemlich häufig in der Familie Erkrankungen oder Tod erlebt.

Aktuell können Körperfunktionen mit Apps kontrolliert werden. «Dr. Google» wird konsultiert oder Arztserien führen uns Operationen und Diagnoseverläufe vor. Stellen Sie fest, dass derartige Angebote eine Zunahme von Krankheitsangst bewirken?
Noch gibt es aktuell keine Studien, die eine derartige Steigerung der Diagnose «Krankheitsangststörung» beleben würde. In einer Studie konnten wir jedoch nachweisen, dass insbesondere Internetrecherchen bei «Dr. Google» Krankheitsängste ansteigen lassen können. Das subjektive Gefühl einer Bedrohung kann ebenfalls steigen, wenn sich Risikofaktoren durch Umweltbelastungen erhöhen. Häufige Recherchen im Internet können übrigens zu einer Kombination von Cyberchondrie und Hypochondrie führen.

Kann man lernen, die Angst vor Erkrankungen in Schranken zu halten oder sogar zu verbannen?
Die kognitive Verhaltenstherapie zeigt gute Erfolge bei der Bewältigung der Ängste. Haltungen und Überzeugungen werden hinterfragt und es werden Aufmerksamkeitsumlenkungen eingeübt. Wichtig ist ebenso ein schrittweiser Abbau der Kontrollmechanismen, mit denen hypochondrisch veranlagte Menschen sich zwanghaft beobachten. Sehr bedeutsam im Therapieverlauf ist überdies die Konfrontation mit den Ängsten. Nehmen wir zum Vergleich die Bekämpfung der Höhenangst, bei der man einen Turm besteigt und so lernt, sich der Angst zu stellen und sich nicht mehr von ihr beherrschen zu lassen. Bei der Behandlung von Krankheitsängsten werden die Betroffenen mit ihren Ängsten konfrontiert: Beispielsweise sollen sie sich in Imaginationsübungen das Schlimmste vorstellen, was ihnen passieren könnte. Unter professioneller Anleitung kann dies durchaus hilfreich sein.

* Jun.-Prof. Dr. Stefanie Jungmann ist Junior-Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Mainz und leitet den Behandlungsschwerpunkt «Krankheitsangst» der Psychotherapie-Ambulanz.

 

Dieser Artikel erschien in einer Ausgabe der astreaAPOTHEKE und wurde für die Website angepasst. Die vollständige Ausgabe der astreaAPOTHEKE ist jeweils in der Apotheke erhältlich und erscheint zehnmal im Jahr.