Cannabis sativa als Medikament
Naturheilkunde
TEXT: STEFAN MÜLLER
Einst als Droge verachtet, heute in vielen Apotheken erhältlich: Cannabis hat viele medizinischen Anwendungen wie gegen Schmerzen, Krampfanfälle oder zum Schlafen.
Die Kulturpflanze Hanf oder Cannabis gehört schon seit Jahrtausenden zu unserem Alltag als Heil- oder Nutzpflanze: Aus den aus ihr gewonnenen Fasern lassen sich etwa Seile oder Textilien herstellen. In der Naturheilkunde hat die Pflanze seit jeher einen festen Platz, zum Beispiel gegen Schmerzen oder zum Entspannen. Ebenso als Rauschmittel wie Haschisch oder Marihuana, die aus den getrockneten Blüten und den blütennahen Blättern gewonnen werden.
Das hat sich jäh geändert, als Hanf 1951 als Betäubungsmittel eingestuft und verboten wurde. Doch inzwischen ist man sich des medizinischen Nutzens von Cannabis wieder bewusster geworden: 2022 wurde Cannabis für medizinische Zwecke erlaubt und seitdem sind Cannabispräparate immer leichter und in den meisten Apotheken und vielen Arztpraxen erhältlich. Die Patientinnen und Patienten können sich am besten an ihre Stammapotheke wenden, die dann auf eine spezialisierte Apotheke verweist oder das entsprechende Präparat dort bestellt.
Vielfältige Wirkungen
Zu den wichtigsten der über 600 Inhaltsstoffe der Cannabispflanze gehören die sogenannten «Cannabinoide». Über 125 gibt es davon. Die am besten erforschten sind Tetrahydrocannabinol (THC) – medizinisch auch als Dronabinol bezeichnet – und Cannabidiol (CBD).
Dronabinol wirkt schmerzlindernd, muskelentspannend und ist gegen Übelkeit und Erbrechen wirksam. Es kann weiter den Appetit anregen und den Schlaf verbessern. In hohen Dosen wirkt die Substanz hingegen berauschend und kann «high» machen. «Bei oralen, therapeutischen Dosierungen ist diese psychoaktive Wirkung jedoch eher selten», sagt Manfred Fankhauser von der Bahnhof Apotheke in Langnau BE, die selbst Cannabispräparate herstellt, wie auch die Stauffacher Apotheke in Zürich.
Cannabidiol wirkt antiepileptisch, angstlösend, entzündungshemmend und entspannend. Selbst in hohen Dosen führt die Substanz nicht zu «high»-Gefühlen. Fankhauser: «Im Gegenteil, CBD kann in Kombination mit THC dessen psychoaktive Effekte vermindern.» Beide können deshalb sowohl einzeln als genauso in Kombination ärztlich verordnet werden.
Cannabinoide (auch THC) sind in therapeutischen Dosen gut verträglich und haben wenig Nebenwirkungen. Die häufigsten unerwünschten Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Müdigkeit und allenfalls Schwindel. Vorsicht gilt bei Personen mit gewissen psychiatrischen Vorerkrankungen, Schwangeren oder Stillenden. Ausserdem kann durch die Müdigkeit die Fahrtauglichkeit beeinträchtigt werden.
Obschon Cannabis viele Wirkstoffe beinhaltet, sind kaum Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten bekannt. Zusammen mit anderen sedierenden Substanzen kann THC deren Wirkung verstärken. Bei sehr hohen Dosen von CBD muss die Kombination mit gewissen anderen Medikamenten, zum Beispiel bestimmte Antiepileptika, überwacht werden. Das Risiko einer Suchtentwicklung, wie oft befürchtet wird, ist bei korrekter Anwendung sehr gering.
Hohe Kosten
«Trotz der vielen Therapiemöglichkeiten tun sich viele Ärzte nach wie vor schwer mit dem Verschreiben von Cannabispräparaten», sagt Reto Agosti, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Cannabis in der Medizin. Der Neurologe, der vor 15 Jahren das Kopfwehzentrum an der Klinik Hirslanden in Zürich gegründet hat, setzt seit vielen Jahren Medizinalcannabis gegen Migräne ein. Medizinisch interessant sei dabei vor allem das Cannabidiol, da es keine berauschende Wirkung habe.
Allerdings kann der Kopfwehspezialist die Wirkung der verschriebenen Präparate, meist Cannabisöl, oft nicht direkt überprüfen, da viele Patientinnen und Patienten nur einmal zu ihm zur Konsultation kommen. Er weiss deshalb nicht, ob sie in andere Apotheken oder Praxen gingen oder allenfalls die Therapie abgebrochen haben. «Der grösste Knackpunkt sind hier sicher die Kosten, die selbst getragen werden müssen, rund 400 Franken pro Monat», vermutet er.
Hinzu kommt, dass die Wirkung nicht so präzis messbar ist wie bei konventionellen Schmerzmitteln. Agosti: «Die Schmerzen gehen mit Cannabis in der Regel nicht komplett weg, sie werden aber schwächer, dafür verbessert sich der Schlaf, der Appetit und damit auch das allgemeine Wohlbefinden.» Ausserdem spreche jeder Mensch etwas anders auf diese Medikamente an, was ebenfalls mit der Zusammensetzung des Präparats und der Verabreichungsform zu tun habe. Die ideale Anwendungsform sei mit einem Verdampfer (Vaporizer), ähnlich den E-Zigaretten, aber ohne Russ und Nikotin.
Viel Fachwissen erforderlich
Der Einsatz vom Cannabis erfordert deshalb viel Fachwissen, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Aus diesem Grund lohne es sich laut Agosti, bei Bedarf eine Beratung bei einer spezialisierten Apotheke einzuholen.
«Es gibt zweifellos noch viel Forschungsbedarf», sagt der Neurologe. Sein grösstes Anliegen als Präsident von der Cannabismedizin-Gesellschaft sei es, dass Ärzte und Ärztin ihre Vorurteile gegenüber Medizinalcannabis vermehrt ablegen würden. Denn er sei überzeugt, dass vielen Patientinnen und Patienten damit Gutes getan werden könne mit wenig Risiko.
Anwendungsbiete
THC
- Spastik bzw. Muskelkrämpfe; B. bei Multipler Sklerose, amyotropher Lateralsklerose (ALS), Querschnittslähmung, Zerebralparese, Morbus Parkinson, Morbus Alzheimer u. a.
- Chronische Schmerzen; z. neuropathische Schmerzen, Tumorschmerzen, Schmerzen bei Polyarthritis, Fibromyalgie, Migräne, Kopfschmerzen u. a.
- Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Abmagerung; B. bei Krebspatienten
- Neurologische Erkrankungen; B. Tourette-Syndrom, Restless-Legs-Syndrom, Dyskinesien u. a.
- Glaukom (grüner Star)
- Schlafstörungen
CBD
- Frühkindliche, therapieresistente Epilepsieformen (Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom)
- Angststörungen und Panikattacken
- Chronische Entzündungen und Schmerzen
- Ver-/Anspannungen
- Depressive Verstimmungen
- Linderung von Symptomen beim Entzug von anderen Medikamenten
- Endometriose
Spezialisierte Apotheken
Bahnhof Apotheke Drogerie Langnau BE: www.cannaplant.ch
Stauffacher Apotheke, Zürich: www.stauffacher-apotheke.ch
Und viele andere: https://medcan.ch/weg-zur-verschreibung/aerzt-innen-und-apotheken
Weitere Infos
Schweizerische Gesellschaft für Cannabis in der Medizin: www.sgcm-sscm.ch
Cannabis als Heilmittel – Gesundheit heute: https://gesundheit-heute.ch/2025/12/27/cannabis-als-heilmittel/
Foto: Todd / Adobe Stock

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