Sandra-Stella Triebl: «Ich gebe der Menopause Raum und Zeit»
Wechseljahre
INTERVIEW: ANTJE LUZ
Rund 1,4 Millionen Schweizerinnen befinden sich derzeit in der Menopause. Jede zweite leidet stark unter den Wechseljahren – und viele ziehen sich deswegen aus dem Beruf teilweise oder ganz zurück. Dabei birgt die Menopause auch eine Chance: zur Selbstbestimmung, zur Gelassenheit, zum bewussten Nein. Sandra-Stella Triebl ist eine Unternehmerin, die Frauen im Berufsleben stärkt. Im Interview schildert sie, wie sie die Menopause mit Kräutern, Bewegung und alten Weisheiten meistert und warum sie heute weiser entscheidet als je zuvor.
Frau Triebl, vermissen Sie die Zeit vor der Menopause?
Ich blicke selten zurück und wenn, dann nur um sicherzugehen, dass ich nicht immer wieder die gleichen Fehler mache, sondern neue finde. Dasselbe gilt für meinen Gesundheitszustand, weil ich heute schlicht an einem anderen Punkt bin als früher. Wir haben die Tendenz, uns an etwas festzuhalten, auch in Gesundheitsfragen, und sagen uns: «Früher konnte ich alles essen und jetzt geht es nicht mehr.» Wir vergessen manchmal, dass wir uns ständig verändern. Und ich denke mir da immer: Dann geht heute eben etwas anderes. Man tut gut daran, sich im Spiegel des Augenblicks zu betrachten. Ich achte auf mich und die gesundheitlichen Bedürfnisse, die ich heute habe.
Und was können Sie seit der Menopause besser?
NEIN sagen! [lacht]. Ich habe ein menopausales Nein gelernt. Ich habe als junge Unternehmerin über viele Jahre hinweg jede Gelegenheit, jede Chance wahrgenommen, jeden Strohhalm gegriffen. Heute weiss ich, dass es manchmal effizientere und smartere Entscheidungen und ein wohlwollendes «Nein» braucht. Das ist das Schöne, wenn man ein bisschen «weiser» wird mit den Jahren. Dennoch versuche ich mir den kindlichen Blick in die Welt zu behalten, kombiniert mit dem aus Erfahrungen Gelernten – allerdings ist das nicht immer einfach.
Sie haben eine einzigartige Businessplattform für Frauen geschaffen. Viele Frauen reduzieren, pausieren oder kündigen die Arbeitsstelle während der Wechseljahre – mit teils gravierenden Auswirkungen auf die Schweizer Volkswirtschaft: Vernachlässigen Unternehmen Frauen in dieser Phase ihres Erwerbslebens?
Dazu gibt es zwei Antworten. Zum einen kann man sich die Frage stellen, wie viel Selbstverantwortung dem Arbeitnehmer obliegt. Arbeitnehmer sind keine Maschinen, sie dürfen auch mal nicht funktionieren, aber das ist natürlich abhängig von der Unternehmenskultur. Das bezieht sich allerdings nur auf die Folgen der Menopause, sondern ganz generell auf Krankheit, Verluste, Traumata, die Mitarbeitende erfahren. Zweitens tun sich Arbeitgeber generell gut daran, dass man eine Firmenkultur und ein Arbeitsklima etabliert, das Mitarbeitende als Menschen betrachtet, nicht nur als «Human Ressource» und als Kostenstelle. Ein gesundes Miteinander wäre da sehr schön. Ich sage bei uns im Team immer, dass Familie und Gesundheit zuerst kommen. Wenn jemand krank ist, ist er krank, und bleibt lieber zwei Tage länger zu Hause, um wirklich gesund zu werden. Für mich gibt es da also eine Verantwortung auf beiden Seiten.
Beruflich «empowern» Sie Frauen im Arbeitsleben. Wie kam es zu der Idee, Menopause, zum Beispiel in Ihrem Podcast, zum Thema zu machen und Frauen auch hier zu ermutigen?
Unser Motto ist «Wirtschaft weiblich denken» und wenn wir die Wirtschaft weiblich zu Ende denken, dann gehört das dazu. Es geht nicht nur ums Funktionieren – wir sind keine «Doings», wir sind «Beings». Und als Menschen ertragen wir Schicksale, die wir mit in die Arbeit bringen. Menopause gehört genauso dazu wie Schwangerschaft oder der Verlust eines geliebten Menschen. In den meisten Unternehmen gibt es keinen «Aktionsplan», was wir mit jemandem tun sollen, der einen Todesfall verkraften muss – oder eben in der Menopause ist. Je nach Statistik haben 70 bis 90 Prozent der Frauen Beschwerden durch die Wechseljahre. Das ist ein grosses Thema und wir eröffnen hier einen wichtigen öffentlichen Diskurs darüber. Auch über die Andropause übrigens.
Ein oft unterschätztes Hormon ist das Östrogen – es ist kein reines Sexualhormon, sondern wirkt im ganzen weiblichen Körper. Wenn das Östrogen-Niveau sinkt, steigen gesundheitliche Risiken. Es kann zu geringerer Knochendichte kommen, weniger Muskelmasse, anfälligerer Herz- und Gefäss-Gesundheit, das Demenz-Risiko steigt. Wie schützen Sie sich?
Indem ich in Bewegung bleibe! Wortwörtlich. Wenn man sich bewegt, rostet man nicht. Auch das Gehirn rostet übrigens, je weniger wir nachdenken und lernen. Wir wissen heute von der Neuroplastizität (die Fähigkeit des Gehirns, lebenslang neue Nervenzellverbindungen zu bilden, Anm. d. Red.). Entsprechend versuche ich ganz bewusst, aber spielerisch, hin und wieder etwas für meine mentale Gesundheit zu tun, indem ich beispielsweise mit der linken Hand meine Haare bürste oder schreibe oder ich versuche zu jonglieren, was ich nicht wirklich gut kann. Ich tue also Dinge, die mein Gehirn fordern. Zudem bin ich, wann immer möglich, draussen im Garten, und wenn’s nur für zehn Minuten zwischen zwei Meetings reicht. Das Leben ist eine Balance – nicht nur Vollgas oder Bremsen. Man muss seinen eigenen Rhythmus finden – und dem Körper auch mal die Gelegenheit geben, sein Immunsystem zu trainieren und sich quasi auf diese Weise auch stückweit selbst zu heilen. Das ist die beste Prävention aus meiner Sicht. Ich versuche nicht alles steril zu halten – etwas Dreck sorgt für ein gutes, starkes Mikrobiom. Meine Kräuter aus dem Garten wasche ich beispielsweise nie.
Sie persönlich vertreten einen «holistischen, naturverbundenen Ansatz. Der Körper sendet Signale, wir dürfen sie verstehen lernen.» Was haben Sie Neues über Ihren Körper verstanden?
Oh – ganz viel! Dass man während der Menopause und den Hot Flashes an den unmöglichsten Stellen schwitzen kann, dass einem nichts peinlich werden muss in dieser Zeit und dass ich mich darüber hinaus verletzlich zeigen darf, selbst als Unternehmerin, die auf einer Bühne steht. Und dass alles in Bewegung ist. Man hat das Gefühl, ich habe etwas gefunden, das mir hilft, und drei Wochen oder drei Monate später ist alles wieder anders. Es ist jedoch schon verrückt, wie sich der Körper in kurzer Zeit verändert. Je mehr man das bekämpft, desto schwerer tut man sich. Gegen den eigenen Körper zu kämpfen, macht für mich keinen Sinn. Deshalb versuche ich alles, so gut es geht, zu umarmen, zu akzeptieren und all dem auch Raum und Zeit zu geben. Das ist ein wahrer Luxus in unserer schnelllebigen Zeit.
Sie machen keine Hormonersatztherapie. Was hilft Ihnen, besser durch die Peri- beziehungsweise Menopause zu kommen?
Ich bin ein Naturkind, habe unzählige Heilkräuter im eigenen Garten und da versuche ich, mir mit Kräutern, Gewürzen und einer achtsamen Lebensweise und Ernährung Abhilfe zu verschaffen. Ich mache Yoga, meditiere, kontempliere, gehe spazieren und versuche, mir Gutes zu tun. Ich sehe das so: Die Menopause zeigt mir, wie ich mit Stress umgehe. Ich bin eine, die leistet und vorangeht, mit Drive und Energie. Aber ich habe erfahren, dass ich nicht mehr ständig über meine eigenen Grenzen gehen muss, um etwas zu bewegen, um etwas zu leisten. Ich habe insbesondere angefangen, jahrtausendealte Texte von Avicenna und Galen zu lesen, um zu verstehen, was mit dem Körper vor sich geht, was man früher über diesen «Zustand der Frau nach der letzten Blutung» dachte und was man gemacht hat, diese Symptome zu reduzieren. Man hat beispielsweise empfohlen, mit Langsamkeit durch gewisse Phasen des Lebens zu gehen. Heute würde man sagen: mit weniger Stress und Belastungen durch Phasen gehen, wo der Körper gefordert ist. Das macht noch heute Sinn.
Haben Sie noch ein Beispiel?
Wenn ich, was selten ist, Kopfweh habe, nehme ich Kräuter, zum Beispiel einen Mutterkraut-Tee, und lege mich ins Bett – wenn das möglich ist. Oder sage auch mal ein paar Termine ab. Es nützt nichts, wenn ich die Erfolgreichste auf dem Friedhof bin oder die schönsten Blumen am Krankenbett habe. Ich habe Zuflucht gesucht in alten Kräuterrezepten, alten Weisheiten, die wir schon fast vergessen haben. Das ist aber einfach mein persönlicher Weg und der muss für niemand anderen so stimmen. Jede und jeder braucht was anderes, um gesund sein und bleiben zu können.
Welches Kraut hat Ihnen geholfen? Traubensilberkerze hilft bei Hitzeschüben, Hopfen bei Schlafstörungen, Johanniskraut bei psychischer Anspannung …
Ich habe eine Zeit lang Traubensilberkerze genommen, aber wieder aufgehört, weil ich keinen Gewöhnungseffekt haben möchte. Mir tut Fenchel gut oder kühlende Minze und jetzt haben wir im Frühling wieder die Vogelmiere im Garten. Ich versuche, alles aus der Natur und über die Nahrung zu mir zu nehmen, weil ich überzeugt bin, dass die Heilkraft der Natur, genauer gesagt die chemische Komplexität und damit verbunden die Bioverfügbarkeit, da am besten ist. Man muss ein Kraut übrigens auch nicht kiloweise essen, sondern einfach regelmässig. So versuche ich das ganze Jahr über, eine gute Grundversorgung über die Nahrung zu haben. Wir haben so viel vergessen, zum Beispiel auch, wie man heilende Gewürze wie Zimt, Kardamom oder Nelken einsetzt.
Welche Gewohnheiten haben Sie verändert, zum Beispiel Ihre Schlafroutine?
Ich habe gelernt, auf meinen Körper zu achten. Wenn ich spüre, dass ich länger schlafen muss, weil ich gerade nicht so gut oder tief genug schlafe, dann ändere ich meine Schlafhygiene. Ich gehe früher ins Bett, stehe später auf und organisiere mich entsprechend. Das kann ich als Unternehmerin vermutlich etwas leichter tun als jemand, der in einem Angestelltenverhältnis ist. Ich versuche, den veränderten gesundheitlichen Bedingungen Raum zu geben und Zeit. Sonst geht einem schlicht und ergreifend die Kraft aus, wenn man nicht so gut schläft.
Und bei der Ernährung?
Was Ernährung angeht, da war in letzter Zeit Miso-Suppe mit Seidentofu eine Entdeckung! Das kann sich wieder ändern. Ich versuche, meinem Bauchgefühl zu folgen, das zu mir zu nehmen, was mich anlacht und mir guttut, und zu essen, wenn ich Hunger habe. Nicht, wann es gesellschaftlich erwartet wird.
Stichwort Erwartungen: Tendieren Frauen dazu, diesen eher entsprechen zu wollen? Dürfen wir uns jetzt im mittleren Alter mehr erlauben?
Das ist das Schlimmste überhaupt, wenn man das Gefühl hat, das Leben von anderen leben zu müssen und sich ständig vergleicht, korrigiert und dabei schlussendlich verliert. Die Erwartungen anderer zu erfüllen, das endet meistens in grossem Unglück. Ich versuche immer mit einer guten Mischung aus Beratungsresistenz durchs Leben zu gehen und trotzdem den anderen zuzuhören. Man muss das aber immer abgleichen mit sich selber, seinen eigenen Bedürfnissen. Die anderen stecken nicht in meinen Schuhen. Ich möchte keinen Aufruf machen, dass wir alle Egoisten sein müssen. Aber zu spüren, was brauche ich jetzt, was tut mir gut, mit wem fühl ich mich wohl? Die Antworten darauf dürfen unser Kompass sein.
Fänden Sie eine Umbewertung des Frauenbilds hilfreich? Ich habe mit einer Frau gesprochen, der man sagte, dass sie jetzt «unnütz» sei …
Ach – wenn jemand das sagt, da frage ich: «Wer ist da unnütz?». Die Grossmutter, die auf die Enkelkinder schaut, die Frauen in der Menopause, die schon immer eine Relevanz in der Gesellschaft hatten, weil wir uns um Dinge kümmern? Die Antwort ist doch ganz einfach: Wenn es evolutionsbiologisch nicht sinnvoll wäre, würden wir Frauen doch mit 50 sterben. Es scheint daher einen evolutionären Vorteil zu geben, dass wir Frauen nach der Menopause noch da sind. Abgesehen davon sind wir doch auch weitaus mehr als unsere Hülle. Es fällt mir auch nicht immer leicht zu akzeptieren, dass nicht mehr alles so straff ist, aber ich mache meinen Sport, gehe in die Natur und versuche, mir mein inneres und äusseres Lächeln zu bewahren.
Fakten zur Menopause
- Zeitpunkt: Die Menopause bezeichnet den letzten natürlichen Menstruationszyklus einer Frau. Sie tritt im Durchschnitt mit 51 Jahren ein – diagnostiziert wird sie rückwirkend nach 12 Monaten ohne Menstruation. Die Perimenopause, die Übergangsphase, kann bereits mit Anfang/Mitte 40 beginnen und mehrere Jahre dauern.
- Häufigkeit der Beschwerden: Je nach Studie leiden 70 bis 90 Prozent aller Frauen unter Wechseljahresbeschwerden. Die häufigsten Symptome sind Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, Scheidentrockenheit und Gelenkschmerzen.
- Östrogen – weit mehr als ein Sexualhormon: Östrogen wirkt im gesamten weiblichen Körper: Es schützt Knochen, Herz und Gefässe, stärkt die Muskulatur sowie das Immunsystem und hat neuroprotektive Wirkung. Mit sinkendem Östrogenspiegel steigen das Risiko für Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz.
- Auswirkungen auf die Arbeitswelt: Studien aus Grossbritannien zeigen, dass rund 25 % der Frauen erwägen, aufgrund von Wechseljahresbeschwerden ihre Arbeit aufzugeben. In der Schweiz sind derzeit ca. 1 Millionen Frauen zwischen 45 und 54 Jahren alt, rd. 85 % davon sind erwerbstätig – und potenziell betroffen. Der volkswirtschaftliche Schaden durch Produktivitätsverlust ist erheblich.
- Hormonersatztherapie (HRT): Die HRT ist nach wie vor die wirksamste medizinische Behandlung gegen Wechseljahresbeschwerden und schützt vor Erkrankungen, die durch Östrogenmangel auftreten können. Sie beinhaltet heute bioidentische Wirkstoffe und wird idealerweise über die Haut verabreicht, damit die Leber nicht belastet wird. Sie wird folglich differenzierter eingesetzt als früher und ist für viele Frauen sicher und sinnvoll. Dennoch entscheiden sich viele für natürliche Produkte.
- Pflanzliche Unterstützung: Traubensilberkerze (Cimicifuga) gilt als am besten erforscht gegen Hitzeschübe. Hopfen und Baldrian helfen bei Schlafstörungen, Johanniskraut bei leichten Depressionen. Phytoöstrogene wie z.B. in Soja und geschrotetem Leinsamen können den Hormonhaushalt sanft unterstützen.
- Bewegung als beste Prävention: Regelmässige körperliche Aktivität reduziert nachweislich Hitzewallungen, verbessert den Schlaf, stärkt Knochen und Herz und schützt das Gehirn. Die WHO empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche – in den Wechseljahren besonders wichtig.
Foto: ©Tomek

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