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Wenn das Smartphone zum Fitnesstrainer wird

Fitness-Tracker zeichnen sämtliche Körperfunktionen auf und Bewegungs-Apps feuern zu Höchstleistungen an. Die digitalen Helferlein vermögen viele zu motivieren – doch schwitzen muss man immer noch selber.

Früher reichten Turnschuhe und eine alte Trainerhose vollends aus für den Sport. Heutzutage aber spielt die Technik sogar beim Bewegen in der Natur eine wichtige Rolle. Immer öfter trifft man auf Jogger mit umgeschnallten Geräten, die alles Mögliche aufzeichnen: Länge und Steigung der Strecke, Geschwindigkeit, Anzahl Schritte und Herzschläge, Sauerstoffaufnahme sowie verbrauchte Kalorien.

Kürzlich hat sich auch Monika einen sogenannten Fitness-Tracker gekauft. Die intelligente Uhr um ihr Handgelenk ist seither ihr treuer Begleiter, wenn die Mittvierzigerin ihre gewohnte Runde durch den Wald antritt. «Das Gerät motiviert mich, weil ich genau sehe, was ich gemacht habe», sagt die Hobbysportlerin, die sich auf den Sommer hin für grössere Bergtouren fit machen will. Zudem kann sie so überprüfen, ob sie in ihrem idealen Trainingsbereich läuft: Eine Geschwindigkeit, bei welcher der Puls genauso hoch ist, dass sich ein guter Trainingseffekt ergibt. Auch soll man in diesem Bereich am meisten Kalorien verwerten – für die Feinschmeckerin ein weiteres wichtiges Kriterium. Nach dem Training gratuliert ihr ein Männchen auf dem Bildschirm für ihre Disziplin. Zudem tauscht sich Monika jeweils mit andern Joggern auf einer Webseite über Erfolge und Rückschläge aus. «Wir feuern uns gegenseitig an und loben uns für unseren Durchhaltewillen.»

Besser als alle Kampagnen

Ähnlich wie Monika geht es vielen Freizeitsportlern. Die Unterstützung von sogenannten Wearables (tragbare Messgeräte) und Smartphone-Apps, welche beim selbstständigen Trainieren anleiten, scheinen Wunder zu bewirken. Gemäss einer Studie der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften zur Gesundheitskompetenz in der Schweiz scheint den digitalen Fitnesstrainern sogar zu gelingen, was viele Gesundheitsförderungs- und Präventionskampagnen immer schon versuchten: Den Sprung vom «eigentlich weiss ich das» zur konkreten Verhaltensänderung. Die Sichtbarkeit der eigenen Gesundheit in Zahlen, Grafiken und Bildern habe offenbar die Macht, das Verhalten tatsächlich zu verändern, schreiben die Autoren.

Hilfe für Ärzte

«Die Vermessung der Körperfunktionen – oder auf Englisch ‹Quantified Self› – eröffnet zudem neue Möglichkeiten für die Medizin», sagt Ursula Meidert. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) untersucht im Auftrag des Zentrums für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-SWISS), was für Auswirkungen der Trend auf die Gesellschaft haben könnte. «Der Arzt sieht seinen Patienten meist nur etwa zehn Minuten und erhält somit lediglich eine Momentaufnahme», erklärt Ursula Meidert. Dagegen könne die Aufzeichnung von Werten rund um die Uhr ein viel umfassenderes Bild abgeben. Mit den diversen Self-Tracking-Apps lassen sich umfangreiche Daten erheben und festhalten – zum Beispiel über Ernährung, Schlaf, Menstruationszyklus, Sexualität und Verhütung, Stuhlgang, körperliche Beschwerden, Stimmung und Stresslevel. Das Problem sei, dass die Qualität noch nicht bei allen gewährleistet sei, gibt Ursula Meidert zu bedenken. Um wirklich brauchbare Daten zu erheben, brauche es weitere Forschung.

Qualität überprüfen

Eine Hilfestellung wäre eine Art Gütesiegel für die digitalen Gesundheitsüberwacher. Bis ein solches zur Verfügung steht, ermöglicht ein Blick auf die Herkunft den Benutzern, die Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Auf Seriosität weist zum Beispiel die Empfehlung einer Patientenvereinigung hin. Wer an einer bestimmten Krankheit leidet, kann bei der entsprechenden Selbsthilfeorganisation anfragen; Diabetiker zum Beispiel können sich bei Diabetesschweiz nach den besten Methoden erkundigen, um ihre Blutzuckerwerte, Kalorien und Insulinmengen übersichtlich zu dokumentieren.

Baustelle Datenschutz

Äusserst wertvoll wären die Erkenntnisse, die diese Apps erheben, natürlich auch für die Forschung. Denn so hätten Wissenschaftler ohne grossen Aufwand riesige Mengen an Daten zur Verfügung, die sie gezielt auswerten könnten. Doch auch dafür wäre es nötig, die Systeme zu vereinheitlichen und die Qualität sicherzustellen. Zudem müsste der Datenschutz gewährleistet sein –auf diesem sensiblen Gebiet ganz besonders. Für dieses Ziel setzt sich in der Schweiz der Verein «Daten und Gesundheit» ein. Er fordert Rahmenbedingungen, damit künftig jede Person ihre Gesundheitsdaten selbstständig verwalten und auf Wunsch anderen zur Verfügung stellen kann – und zwar neben selbst erhobenen Werten auch die gesamte Krankengeschichte mit Untersuchungsresultaten von Ärzten, Spitälern und Therapeuten. Der Bundesrat will sich dem Thema annehmen. Erste Versuche laufen bereits.

Blick in die Natur nicht vergessen

Doch all dies ist vorerst noch Zukunftsmusik. Einstweilen dienen die digitalen Fitnesstrainer vor allem der persönlichen Motivation. Manchmal könne aber auch das Gegenteil eintreten, gibt Ursula Meidert zu bedenken: «Wenn man den ganzen Tag im Büro sitzen musste und weit entfernt ist von den empfohlenen täglichen 10 000 Schritten, kann das frustrieren.» Und gelegentlich sei es vielleicht auch erholsam, beim Joggen einfach wieder einmal die Bäume zu betrachten, statt stets auf den Bildschirm des Fitness-Trackers zu starren.

Welche App taugt für wen?

Mittlerweile gibt es weltweit rund 400 000 Gesundheits-Apps. Umso schwerer fällt die Entscheidung. Schädlich sei wahrscheinlich keine davon, sagt Fitnesscoach Dave Baucamp aus Zürich. «Alles, was die Menschen bewegt, ist gut.» Dennoch gibt er einige Empfehlungen ab:

Freeletics: Eine der am häufigsten heruntergeladenen Apps für diverse Trainingsarten. Sie umfasst rund 700 verschiedene Variationen und bietet auch Anleitungen per Video. Von vielen geschätzt wird die grosse Community, mit der man sich austauschen kann. Mit einem Abo ab ca. 40 Franken ist bei Freeletics ein personalisierter Trainingsplan erhältlich.

Runtastic: Eine gute Fitness-App für den Laufsport, mit der sich an der Ausdauer arbeiten lässt. Sie misst anhand von GPS-Daten Renndistanz, -dauer und -geschwindigkeit und berechnet die verbrauchten Kalorien. Es steht eine erweiterte Funktion zur Verfügung, bei der ein Coach zu einem spricht. Durch die grosse Community stehen zahlreiche Routen zur Wahl.
Runtastic Cardio Pack: Eine erweiterte Version für das Kreislauftraining, die neben Laufsport auch Velofahren abdeckt.

Yoga.com: 45 kurze und längere Standardprogramme. Zudem kann man aus einer Auswahl an 300 Übungen ein individuelles Programm zusammenstellen. Erfahrungen und Fortschritte hält man in einem eigenen Yoga-Tagebuch fest und teilt sie bei Bedarf mit einer grossen Community.

Asana Rebel: Diese App spricht mehrheitlich Frauen an. Sie bietet neben Yoga auch yogainspiriertes Fitnesstraining, täglich neue Workouts und Spezialitäten wie Fatburn oder Bikini Body. Ein digitaler Personaltrainer motiviert Anwenderinnen und begleitet sie auf ihrer persönlichen Fitnessreise. Der Trainingsverlauf kann in einem Dossier festgehalten werden.

Physio Vital: Der digitale Physiotherapeut unterstützt ältere Menschen dabei, beweglich zu bleiben oder hilft, nach einer Verletzung wieder mobil zu werden. Die App bietet 50 verschiedene Videos mit Übungen, die von einem Arzt zusammengestellt wurden.

TRX/Virtual Trainer Suspension: Um mit dieser App zu trainieren, bestellt man sich zuerst ein Gummiband. Es ist ideal, um an Stärke, Gleichgewicht und Dehnbarkeit zu arbeiten.

Dieser Artikel erschien in einer Ausgabe der astreaAPOTHEKE und wurde für die Website angepasst. Die vollständige Ausgabe der astreaAPOTHEKE ist jeweils in der Apotheke erhältlich und erscheint zehnmal im Jahr.