Gefährliche Keime

Herzinfarkt oder Frühgeburt durch schlechte Zähne?

TEXT: DR. JÜRGEN WEBER BRANCA

Neun von zehn Schweizern leiden unter Zahnfleischentzündungen (Gingivitis). Diese zuerst oberflächlich beginnende Erkrankung kann sehr schnell zu einer Parodontitis werden. Mit weitreichenden Folgen für Lebensqualität und Lebenserwartung.

In den letzten Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Untersuchungen, die die Wechselwirkung der Parodontitis (der Volksmund sagt «Parodontose») mit Allgemeinerkrankungen zum Inhalt haben. Allen ist gemeinsam, dass sie deutliche Zusammenhänge zwischen verschiedenen Krankheitsbildern und einer Zahnfleischentzündung feststellen konnten.

Parodontitis – was ist das?

In unserer Mundhöhle leben 300 bis 400 verschiedene Bakterienarten. Bei schlechter Mundhygiene vermehren sich die Mikroorganismen und lagern sich in Nischen und an schwer zugänglichen Stellen ab. Sie bilden einen Teil des Zahnbelags, der Plaque. In ihr häufen sich die Endprodukte des bakteriellen Stoffwechsels an, die für unseren Körper giftig sind (Toxine). Diese Toxine locken die körpereigenen Abwehrstoffe an: Das Zahnfleisch rötet sich, schwillt an und blutet, wenn es mit Zahnseide oder -bürste berührt oder vom Zahnarzt sondiert wird.

Aggressive Keime

Nicht alle der in unserer Mundhöhle lebenden Mikroorganismen lösen eine Erkrankung aus. Eine Handvoll Bakterienarten (Markerkeime) ist besonders aggressiv und provoziert in unserem Körper eine Abwehrreaktion, die bei jedem Menschen anders ausfällt. So spielt neben der Aggressivität der Bakterien auch die individuelle Reaktion des Organismus eine Rolle bei der Entstehung einer Parodontitis. Die unterschiedliche Zusammensetzung der Plaque und eine vererbte Veranlagung für die Empfänglichkeit einer Parodontitis sind weitere ursächliche Faktoren für eine Zahnbetterkrankung.

Bakterien überschwemmen das Blut

Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Entzündungsreaktion des Körpers den Bakterien ermöglicht, durch teilweise durchlässige Blutgefässe in unseren Blutkreislauf einzudringen. Dort werden sie über den ganzen Körper verteilt, was an und für sich nicht schlimm wäre, da sie vom Immunsystem unseres Körpers dort inaktiviert werden können. An kritischen Stellen aber, zum Beispiel an (künstlichen) Herzklappen oder Engpässen, können sich die Bakterien ansammeln und dort Blutgerinnsel (Thromben) verursachen. Wenn sich diese Thromben dann von der Gefässwand lösen, im Blutstrom mitgerissen werden und kleine und kleinste Blutgefässe verschliessen, entsteht ein Infarkt, weil das von diesem Blutgefäss versorgte Gewebe abstirbt.

Parodontitis und Allgemeinerkrankungen

Dass verschiedene Allgemeinerkrankungen (Diabetes) eine Parodontitis verstärken können, ist seit Langem bekannt. Untersuchungen der letzten Jahre zeigen jedoch auch eine umgekehrte, direkte oder indirekte Wirkung.

Wissenschaftlich gesichert ist, dass untergewichtige Frühgeburten durch eine Parodontitis der Mutter ausgelöst werden können. Noch nicht ausreichend gesichert, aber sehr gut fundiert ist das Wissen, dass eine bakterielle Infektion des Zahnhalteapparats ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt und andere kardiovaskuläre Erkrankungen bedeutet.

Rechtzeitiges und regelmässiges Screening

Die meisten parodontalen Erkrankungen haben – bis auf ein paar wenige rasch verlaufende Sonderformen – für den Patienten den Vorteil, dass sie langsam und chronisch voranschreiten. Bei einem entsprechenden regelmässigen Screening (alle sechs bis zwölf Monate) bei einem auf Parodontologie spezialisierten Zahnarzt können beginnende Verlaufsformen rasch erkannt werden. Eine weiterführende Spezialdiagnostik erlaubt eine gezielte Therapie, mittels der die Erkrankung über Jahre gut zu kontrollieren ist. Wichtig ist dabei die zielgerichtete Kombination von instrumenteller zahnärztlicher Behandlung, medikamentöser Begleittherapie und der Zusammenarbeit von Allgemeinmediziner und Zahnarzt. Damit lassen sich weitergehende Schäden nicht nur im Mund vermeiden.

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