Damit Antibiotika auch morgen noch helfen

Antibiotika retten Leben

INTERVIEW: REGINA VON BURG, SCHWEIZERISCHER APOTHEKERVERBAND PHARMASUISSE

Antibiotika retten Leben. Doch immer häufiger werden Bakterien gegen diese wichtigen Medikamente resistent. Was bedeutet das für unsere Gesundheit? Und weshalb spielen dabei nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch Tiere, Umwelt und unser eigenes Verhalten eine Rolle? Kathrin Leventhal vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) erklärt, warum Antibiotikaresistenzen uns alle betreffen und wie jede und jeder dazu beitragen kann, dass Antibiotika auch in Zukunft wirksam bleiben.

Wenn Bakterien nicht mehr auf ein Antibiotikum oder sogar mehrere reagieren, spricht man von einer Antibiotikaresistenz. Was bedeutet das konkret für meine Gesundheit im Alltag?

Bei einer Antibiotikaresistenz wird nicht der Mensch resistent, sondern die Bakterien. Mit resistenten Bakterien können wir grundsätzlich überall in Kontakt kommen und das meist, ohne es zu merken oder krank zu werden. Verursachen sie jedoch beispielsweise eine Harnwegs-, Wund- oder Atemwegsinfektion, wirkt das übliche Antibiotikum möglicherweise nicht mehr. Die Behandlung kann dann länger und komplizierter werden. Manchmal braucht es ein anderes Antibiotikum oder einen Spitalaufenthalt.

Weshalb sind Antibiotikaresistenzen nicht nur ein Problem in Spitälern, sondern betreffen letztlich uns alle?

Antibiotikaresistenzen kennen keine Grenzen. Sie können sich zwischen Menschen, Tieren und Umwelt verbreiten und durch Reisen in die Schweiz gelangen. Darum sind resistente Bakterien auch ausserhalb des Spitals anzutreffen. Im schlimmsten Fall ist eine im Alltag eingefangene Infektion durch resistente Bakterien verursacht und gängige Antibiotika wirken nicht mehr. So kann aus einer anfänglich einfachen Infektion ein ernstzunehmendes Problem werden. Besonders gefährdet sind dabei Menschen, deren Abwehrkräfte noch nicht voll entwickelt oder geschwächt sind. Zum Beispiel Frühgeborene, ältere Menschen oder Schwerkranke. Wirksame Antibiotika sind keine Selbstverständlichkeit. Sie zu erhalten, ist eine gemeinsame Verantwortung.

Man hört immer öfter den Begriff «One Health». Können Sie einfach erklären, was dahintersteckt – und warum das auch uns persönlich betrifft?

One Health bedeutet, die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt gemeinsam zu betrachten. Denn unser Wohlergehen hängt eng damit zusammen, wie gesund Tiere sind, wie Lebensmittel produziert werden und wie sauber Wasser und Böden bleiben. Deshalb arbeiten Fachpersonen aus Human- und Tiermedizin, Landwirtschaft und Umwelt zusammen. Das klingt zunächst abstrakt, betrifft uns aber ganz unmittelbar im Alltag – von unseren Lebensmitteln bis zur Behandlung einer Infektion.

Weshalb ist One Health gerade bei Antibiotikaresistenzen unverzichtbar?

Antibiotika werden bei Menschen und Tieren eingesetzt. Deshalb können resistente Bakterien in beiden Bereichen entstehen und sich verbreiten. Um Antibiotika langfristig wirksam zu halten, müssen Human- und Tiermedizin sowie Umwelt gemeinsam handeln: Infektionen verhindern, Resistenzen beobachten und Antibiotika gezielt einsetzen.

Missverständnisse rund um Antibiotika: Viele Menschen glauben, Antibiotika würden auch gegen Grippe oder Erkältungen helfen. Warum ist das nicht der Fall?

Grippe und Erkältungen werden durch Viren verursacht. Antibiotika wirken jedoch nur gegen Bakterien. Bei einer Virusinfektion helfen sie deshalb weder gegen die Beschwerden noch führen sie zu einer schnelleren Genesung. Im Gegenteil: Jeder unnötige Einsatz kann Nebenwirkungen verursachen und die Entstehung von Resistenzen begünstigen. Auch bei einer bakteriellen Infektion ist ein Antibiotikum nicht immer notwendig. Ob es sinnvoll ist, sollte anhand der persönlichen Situation gemeinsam mit einer medizinischen Fachperson entschieden werden.

Was kann ich selbst tun, um dazu beizutragen, dass Antibiotika weiterhin wirksam bleiben?

Antibiotika sind nicht immer die Lösung. Klären Sie darum die Notwendigkeit einer Antibiotika-Therapie immer mit einer medizinischen Fachperson. Wenn Ihnen Antibiotika verschrieben werden, nehmen Sie diese nur ein, wie von der Ärztin oder vom Arzt verschrieben und halten Sie sich genau an die Dosierung und Behandlungsdauer. Bewahren Sie übrige Antibiotika nicht zu Hause auf und bringen Sie übrige Antibiotika in die Apotheke oder Arztpraxis zurück. Ebenso wichtig ist, Infektionen möglichst zu vermeiden – etwa durch Impfungen und gute Handhygiene.

Welche Fragen sollte ich stellen, wenn mir Antibiotika verschrieben werden?

Fragen Sie ruhig nach, weshalb das Antibiotikum notwendig ist und wie Sie es richtig einnehmen sollen: in welcher Dosis, wie lange und welche möglichen Neben- und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten zu beachten sind. Klären Sie zudem, wann eine Besserung zu erwarten ist und an wen Sie sich wenden sollen, wenn diese ausbleibt. Ärztinnen, Ärzte und Apotheken helfen Ihnen, das Antibiotikum sicher und wirksam anzuwenden.

Welche Rolle spielen Impfungen und Hygienemassnahmen bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen?

Sie setzen einen Schritt früher an. Wenn eine Infektion gar nicht erst entsteht oder sich nicht weiterverbreitet, braucht es auch keine Behandlung mit Antibiotika. Impfungen schützen vor bestimmten bakteriellen Erkrankungen. Sie können aber auch Virusinfektionen verhindern, in deren Folge manchmal bakterielle Komplikationen auftreten. Händewaschen, sorgfältiger Umgang mit Lebensmitteln und weitere Hygienemassnahmen bremsen zudem die Weitergabe von Krankheitserregern inklusive resistenten Bakterien. Prävention schützt somit nicht nur uns selbst, sondern hilft auch, Antibiotika wirksam zu erhalten.

Bei der Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen denken viele an Ärztinnen und Ärzte sowie an Spitäler. Warum sind auch die Apotheken ein wichtiger Akteur?

Apotheken sind für viele Menschen eine leicht erreichbare erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen. Zudem sind sie häufig der letzte Kontakt mit einer Fachperson, bevor eine Antibiotikabehandlung beginnt. Apothekerinnen und Apotheker können deshalb wesentlich dazu beitragen, dass Antibiotika richtig angewendet werden. Sie erklären die Einnahme, beantworten Fragen und helfen einzuschätzen, wann eine weitere ärztliche Abklärung nötig ist.

Inwiefern tragen die Apothekerinnen und Apotheker schon heute zur Bekämpfung von Resistenzen bei?

Bei der Abgabe eines Antibiotikums beraten sie zur richtigen Dosierung und Einnahmedauer und achten auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Sie erklären auch, weshalb Antibiotika nicht mit anderen geteilt oder für eine spätere Erkrankung aufbewahrt werden sollten. Nicht mehr benötigte Antibiotika können zur fachgerechten Entsorgung in die Apotheke zurückgebracht werden. Mit Impfberatung und weiteren Angeboten zur Gesundheitsvorsorge helfen Apotheken zudem, Infektionen zu verhindern und damit den Bedarf an Antibiotika zu senken.

Wenn Sie sich wünschen könnten, dass die Bevölkerung nach der World AMR Awareness Week genau eine Sache besser versteht: Welche wäre das?

Wirksame Antibiotika sind keine Selbstverständlichkeit. Sie sollten nur eingesetzt werden, wenn sie wirklich nötig sind – dann aber gezielt und richtig. Jede verhinderte Infektion und jeder sachgemässe Einsatz trägt dazu bei, ihre Wirksamkeit zu erhalten: für uns selbst und für Menschen, die besonders darauf angewiesen sind.

Zur Person

Kathrin Leventhal ist seit Oktober 2022 Gesamtprojektleiterin der Strategie Antibiotikaresistenzen Schweiz (StAR) beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Zuvor hat die promovierte Biologin an der ETH Zürich und der Harvard University geforscht.

«One Health, one action: Prevent AMR now» vom 18.–24. November findet jährlich die World AMR Awareness Week (WAAW) statt.

Die nationalen Strategie Antibiotikaresitenzen (StAR) will mit dieser Aktionswoche das Bewusstsein für die Herausforderungen der Antibiotikaresistenzen schärfen und einen verantwortungsvollen Antibiotikaeinsatz fördern. Mit dem diesjährigen internationalen Motto «One Health, one action: Prevent ARM now» will sie erneut für die Problematik sensibilisieren und die Bevölkerung und Fachpersonen dazu ermutigen, Massnahmen gegen die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen zu ergreifen.

Auf star.admin.ch finden Sie viele interessante Informationen zu Antibiotikaresistenzen und zur Aktionswoche.

Foto: ©Corona Borealis/AdobeStock

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