Ganzheitliche Behandlung in der Apotheke
pharmaSuisse März 2026
TEXT: GREGORY NENNIGER, SCHWEIZERISCHER APOTHEKERVERBAND PHARMASUISSE
Die Komplementärmedizin ist nicht erst seit gestern in aller Munde. Schon seit Jahren gewinnt sie bei der Bevölkerung immer mehr an Bewusstsein. Doch wann genau spricht man eigentlich von Komplementärmedizin? Was beinhaltet sie? Und kommt sie wirklich nur als Gegenpol zur bestens bekannten Schulmedizin zum Einsatz? Ein Überblick über die wichtigsten Therapieformen und den Ort, der sie vereint.
Es ist noch keine Ewigkeit her, da wurden Apothekerinnen und Apotheker im Volksmund scherzhaft gerne auch mal als Giftmischerin oder Pillendreher bezeichnet. Der Ursprung dafür dürfte in den Berufsursprüngen liegen, als in den Apotheken noch hauptberuflich Medikamente hergestellt wurden. Doch die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch das Angebot in den Apotheken. Längst gehören pflanzliche Heilmittel (auch Phytotherapeutika genannt) zum Standardsortiment einer Apotheke. Damit sind wir auch schon bei der Komplementärmedizin angelangt. Von dieser spricht man korrekterweise, wenn sie eine konventionelle Therapie (Schulmedizin) ergänzt. Die Fachsprache bezeichnet die Verbindung von Komplementär- und Schulmedizin als integrative Medizin. Hingegen ist der Begriff «Alternativmedizin» dann zutreffend, wenn eine Therapieform anstelle der anderen eingesetzt wird. Da die Begriffe nun geklärt sind, schreiten wir zu den wichtigsten Bereichen der Alternativ- resp. Komplementärmedizin.
Anthroposophische Medizin
In der anthroposophischen Medizin wird Krankheit nicht als zufällig auftretende Fehlfunktion des Körpers betrachtet. Vielmehr versteht sie Krankheiten als Ausdruck von Ungleichgewichten zwischen Körper, Geist und Seele. Störungen oder Veränderungen zeigen sich körperlich oder seelisch, sobald diese Bereiche nicht mehr harmonisch zusammenwirken. Deshalb lässt sich aus Sicht der Anthroposophie keine Krankheit pauschal bewerten oder behandeln. Ziel ist es, die natürlichen Heilkräfte des Menschen zu aktivieren, die Selbstheilung zu fördern und dadurch den Verlauf von Krankheiten positiv zu beeinflussen. In der Schweiz gibt es mehrere bekannte Hersteller/innen, die eine traditionsreiche Geschichte in der Produktion von anthroposophischen Heilmitteln vorweisen können.
Ayurvedische Medizin
Ayurveda ist ein traditionelles Medizinsystem mit Ursprung in Indien und gehört zu den ältesten ganzheitlichen Heilmethoden. Es basiert auf dem Verständnis natürlicher Lebensprinzipien und betrachtet den Menschen ebenfalls als Einheit von Körper, Geist und Seele. Gesundheit entsteht nach ayurvedischem Verständnis durch ein ausgewogenes Zusammenspiel innerer und äusserer Einflüsse, während Krankheit als Ausdruck von Ungleichgewichten verstanden wird. Ziel der ayurvedischen Medizin ist es, diese Ungleichgewichte zu erkennen, auszugleichen und die Gesundheit nachhaltig zu fördern – sowohl präventiv als auch therapeutisch.
Homöopathische Arzneimittel
Die Homöopathie ist ein eigenständiges medizinisches System, das mit speziell hergestellten Arzneimitteln arbeitet. Zentrales Element ist das Ähnlichkeitsprinzip, nach dem ein Mittel eingesetzt wird, das bei gesunden Menschen Symptome hervorruft, die jenen der erkrankten Person ähneln. Grundlage der Behandlung ist eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen, bei der körperliche, seelische und geistige Aspekte gleichermassen berücksichtigt werden. Ziel ist es, die Selbstregulation des Organismus zu stärken und Beschwerden umfassend zu beeinflussen.
Die theoretischen und praktischen Grundlagen der Homöopathie wurden Anfang des 19. Jahrhunderts von Samuel Hahnemann entwickelt. Er systematisierte das seit der Antike bekannte Prinzip «Ähnliches mit Ähnlichem behandeln» und beschrieb es in seinen Schriften als eigenständigen therapeutischen Ansatz. Charakteristisch für die Homöopathie ist zudem die Herstellung der Arzneimittel durch schrittweises Verdünnen und Verschütteln. Ein Verfahren, das in der Bevölkerung als Potenzierung bekannt ist. Homöopathische Mittel zielen darauf ab, die innere Ordnung des Menschen zu unterstützen. Hierfür steht eine grosse Auswahl unterschiedlicher Arzneien zur Verfügung.
Phytotherapie
Phytotherapie, oftmals auch als Pflanzenheilkunde bezeichnet, nutzt Heilpflanzen sowie deren Zubereitungen zur Behandlung von Krankheiten. Sie gehört zu den ältesten medizinischen Therapieformen und stützt sich auf ein über Jahrhunderte gewachsenes Erfahrungswissen aus unterschiedlichen Kulturen. Viele Grundlagen der heutigen Medizin haben ihren Ursprung in der Anwendung von Heilpflanzen.
Charakteristisch für die Phytotherapie ist der Einsatz pflanzlicher Arzneimittel, bei denen nicht einzelne isolierte Wirkstoffe, sondern komplexe Pflanzenextrakte verwendet werden. Die therapeutische Wirkung entsteht dabei durch das Zusammenwirken verschiedener Inhaltsstoffe, die gemeinsam den wirksamen Bestandteil der Zubereitung bilden. Zu dieser Kategorie zählen klassischerweise Teemischungen, Extrakte, Tinkturen, aber auch Salben und Kapseln.
Spagyrik
Spagyrik ist ein ganzheitliches Naturheilverfahren, bei dem pflanzliche Essenzen zu speziellen Arzneimitteln verarbeitet werden. Ziel ist es, den ganzen Menschen anzusprechen, Ungleichgewichte zu korrigieren und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Der Name „Spagyrik“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „trennen und vereinigen“, was die alchemistische Methode der Zubereitung widerspiegelt. Dabei werden Pflanzen so aufbereitet, dass nicht nur einzelne Inhaltsstoffe, sondern die Pflanze als Ganzes wirksam wird. Spagyrische Arzneien nutzen die Lebensenergie der Pflanzen, um den Organismus in seiner natürlichen Balance zu unterstützen.
Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist ein über viele Jahrhunderte entwickeltes Medizinsystem mit Ursprung in China. Sie beruht auf einem eigenständigen theoretischen Modell und ergänzt die westliche Medizin durch eine funktionale Betrachtungsweise von Gesundheit und Krankheit. Im Zentrum steht das Erkennen von Disharmonien innerhalb der Organ- und Funktionszusammenhänge mit dem Ziel, das natürliche Gleichgewicht des Organismus wiederherzustellen.
Die TCM verfügt über eigene diagnostische und therapeutische Verfahren, zu denen unter anderem Akupunktur, Arzneimitteltherapie, Ernährungslehre, Bewegungsübungen sowie Beratung zur Lebensführung gehören. Besonders verbreitet sind Akupunktur und die chinesische Arzneimitteltherapie, die sowohl bei akuten als auch bei chronischen Beschwerden eingesetzt und häufig miteinander kombiniert werden.
Die Apotheke als erste Anlaufstelle
Wir haben gesehen: Die Therapieformen sind so vielfältig wie der Mensch selbst. So kann es bei der Frage nach der Wahl des «richtigen» Produkts auch mal unübersichtlich werden. Umso wichtiger ist eine kompetente und vertrauenswürdige Beratung. Und hier kommt die Apotheke ins Spiel. Die Apothekenteams verfügen über ein fundiertes Wissen in den einzelnen Bereichen – sowohl in der Schulmedizin als auch in der Alternativ- resp. Komplementärmedizin. Sie kennen die unterschiedlichen Therapieansätze, deren Einsatzgebiete sowie mögliche Grenzen und Wechselwirkungen. In der Apotheke erhalten Kundinnen und Kunden nicht nur Zugang zu einem breiten Sortiment entsprechender Arzneimittel, sondern auch eine persönliche Beratung, die auf individuelle Bedürfnisse abgestimmt ist. Ob Phytotherapie, Homöopathie, Spagyrik oder andere Methoden: Das Apothekenteam hilft dabei, passende Optionen einzuordnen und verantwortungsvoll in den Alltag zu integrieren – ergänzend zur ärztlichen Behandlung oder als Unterstützung bei leichten Beschwerden. Kundinnen und Kunden können sich in der Apotheke rasch und unkompliziert informieren lassen, Fragen klären und gemeinsam mit dem Apothekenpersonal einen sinnvollen Weg für das persönliche Wohlbefinden suchen.

Foto: ©Sajana Jayathissa/AdobeStock

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