Fit im Kopf

Wie unser Gedächtnis funktioniert – und wie wir es stärken

TEXT: DR. MED. LYDIA UNGER-HUNT

Unser Gedächtnis ist ein biologisches Hochleistungsarchiv, das sich noch bis ins hohe Alter an neue Herausforderungen anpassen kann. Dieser Artikel verrät, was wir selbst tun können, um unsere Merkfähigkeit zu stärken.

Die meisten Menschen kennen ihr Gedächtnis als solide Sammelstelle für 1. peinliche Momente im Leben und erst 2. für wichtige Termine. Hinter diesem Erinnerungsvermögen steht ein hochkomplexes biologisches System, das uns ermöglicht, Wissen aufzubauen, Erfahrungen zu speichern und damit unseren (häufig hektischen) Alltag halbwegs elegant zu navigieren. Die Basis sind rund 100 Milliarden Nervenzellen im Gehirn, die ununterbrochen elektrische und chemische Signale austauschen.

Unser Gedächtnis ist
wie ein Muskel: Wer es
trainiert, hält es stark.

Erinnerungen: von ultrakurz bis lebenslang

Grundsätzlich funktioniert das Gedächtnis durch die Fähigkeit des Gehirns, Verbindungen zwischen diesen Nervenzellen zu stärken oder neu zu bilden, von wenig benutzten «Trampelpfaden» bis zu «Autobahnen»: Ein klassischer Trampelpfad wäre der PIN-Code, den man einmal im Jahr braucht und dann mit viel Mühe wieder aus dem Gedächtnis kramt; der Weg ins Büro ist dagegen als Autobahn abgespeichert. Das heisst also, je häufiger wir etwas üben oder wiederholen, desto stabiler wird diese Verbindung. Die Wissenschaft hat das Gedächtnis zudem in verschiedene Typen unterteilt:

  • Das Ultrakurzzeitgedächtnis speichert Sinneseindrücke für Sekunden (zum Beispiel sich einen Einmal-Code für eine Online-Anmeldung merken).
  • Das Kurzzeit-/Arbeitsgedächtnis hält Informationen für Minuten bereit.
  • Das Langzeitgedächtnis speichert auf lange Zeit Erlebnisse, Wissen und Fähigkeiten. Es unterteilt sich in episodisches (Erinnerungen), semantisches (Fakten) und prozedurales Gedächtnis (Bewegungsabläufe).

Im Alter lässt das Gedächtnis bekanntermassen nach – allerdings bedeutet nicht jede Vergesslichkeit gleich automatisch die Diagnose «Demenz» (im Zweifelsfall lieber eine ärztliche Abklärung vornehmen lassen).

Alltagstauglich das Gedächtnis stärken

Jeder Mensch kann sein Gedächtnis beim Fit-Bleiben tatkräftig unterstützen. Zunächst einmal gilt der schöne Grundsatz «wiederholen, strukturieren, verknüpfen»:

Informationen bleiben besser haften, wenn sie wiederholt, gegliedert und mit Emotionen verbunden werden. Die körperliche Bewegung wiederum ist nicht nur für Gelenke das Schmieröl schlechthin, sondern auch für die Merkfähigkeit, denn dadurch wird die Durchblutung des Gehirns verbessert. Schlaf ist unerlässlich, in dieser Zeit werden Erinnerungen sortiert und aktualisiert. Soziale Kontakte sind ebenfalls ein Zaubertrunk, der nicht nur in einem kleinen Dorf in Gallien funktioniert: In Gesprächen nehmen wir Ton und Mimik des Gegenübers wahr, konzentrieren uns auf das Gesagte, erinnern uns an andere Gespräche, nützen unser Sprachvermögen – all das trainiert das Gehirn und ganz speziell das Gedächtnis.

Was noch? Immer wieder mal was Neues ausprobieren: ein anderes Rätsel lösen, einen neuen Nachhauseweg nehmen, vielleicht sogar eine Sprache, Aktivität oder ein Instrument erlernen – alles, was wir als geistige Herausforderung erleben, stärkt die sogenannte «neuronale Plastizität», also die Fähigkeit des Gehirns, sich neuen Gegebenheiten anzupassen: Nervenzellen knüpfen nun neue Kontakte, stärken oder schwächen bestehende Verbindungen und können sogar ganze Netzwerke umorganisieren.

Brainfood zeigt Wirkung

Omega-3 aus Fisch oder Nüssen unterstützt die Kommunikation der Nervenzellen; Beeren liefern antioxidativen Schutz, Vollkorn sorgt für stabile Energie, während grünes Gemüse wie Brokkoli oder Spinat wichtige B-Vitamine und Folsäure liefert. Kaffee ist – in vernünftigen Mengen – durchaus als Freund des Fokus zu bezeichnen.

Noch ein abschliessender Tipp: Einige Arzneimittel können die Konzentration und damit das Gedächtnis beeinflussen. Ein kurzer Gang in die Apotheke kann hier Klarheit schaffen.

Grauhäutige Gedächtniskünstler

Elefanten gelten als wahre Gedächtnis-Genies: Sie können sich Wege zu Wasserstellen über Jahrzehnte merken und erkennen Artgenossen auch nach sehr langer Zeit wieder. Aber nicht nur Artgenossen: Es wurde beobachtet, dass Elefantenherden regelmässig zu den Hütten bestimmter Wildhüter kommen, die sie einst geschützt beziehungsweise sie mit Futter, Wasser oder medizinisch versorgt hatten.

Foto: ©bit24/AdobeStock

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