Deutsch

Shinrin Yoku: Kraft tanken im Wald

Im Sommer erfrischen sich die meisten gern im Schwimmbad oder nächstgelegenen See. Weitaus erholsamer kann es sein, in die Waldatmosphäre einzutauchen. Der Gesundheitstrend aus Japan wird auch in der Schweiz immer beliebter.

Es gehört zum Sommer einfach dazu: Das Bad im nahe gelegenen See oder Fluss. Während Europäer gern im und am Wasser Erholung suchen, tauchen die Japaner am liebsten in den Wald ab. Dort gehört das Waldbaden wie das Zähneputzen einfach zum gesunden Leben dazu. Nass werden sie dabei nicht, dafür aber entspannt und vital.

Die Zauberformel für Waldbaden:
Langsamkeit plus Achtsamkeit.

Shinrin Yoku, was übersetzt Waldbaden heisst, ist in Japan nicht nur ein Wellness-Trend, sondern eine anerkannte Heilmethode. Ob bei Stress, depressiven Verstimmungen, Bluthochdruck, Schlafstörungen oder Abwehrschwäche – nicht selten schicken japanische Ärzte ihre Patienten erst einmal zur Waldtherapie. Denn ein Besuch bei den «grünen Ärzten» ist oft heilsamer als jede andere Medizin.

Terpene wirken gesundheitsfördernd

Vor einigen Jahren kam der Gesundheitstrend auch in der Schweiz an. Da Waldbaden jedoch hierzu­lande nicht als Therapie anerkannt ist, haben die allermeisten Kurse nur zweierlei im Sinn, nämlich den Stress zu reduzieren und das Wohlbefinden zu verbessern. Dass das klappt, dafür sorgen schon allein die vielen tausend Duftstoffe, die die Bäume ausströmen. Diese sogenannten Terpene wirken nicht nur entzündungshemmend, sondern lassen schon nach 20 Minuten die Konzentration der Stresshormone Cortisol und Adrenalin sinken und den Wert des Wohlfühlhormons Serotonin ansteigen.

Gehen und Sehen mit aller Achtsamkeit

Doch Waldbaden ist weitaus mehr als nur ein Spaziergang unter Bäumen. Die zertifizierten Kursleiter zeigen ihren Teilnehmern, wie sie im Hier und Jetzt ankommen. Das ist gewissermassen eine Kunst für sich, deren Zauberformel Langsamkeit plus Achtsamkeit lautet. «Beim Waldbaden bewegen wir uns langsam wie eine Schnecke. So können wir uns in Präsenz üben und ganz auf die Natur einlassen. Dann höre ich den Gesang der Singdrossel, das Rauschen des Laubs, sehe das Licht, das durch das grüne Laubwerk sickert oder spüre den Lufthauch auf meinem Gesicht», sagt Zoë Lorek, Leiterin des Instituts Waldbaden Schweiz.

Wertfrei und in Ruhe geniessen

Allerdings gilt es dabei, alle Eindrücke möglichst Wertfrei und in grosser Ruhe wahr­zunehmen. Kommen negative Gedanken und Gefühle auf, werden diese im Sinne der Achtsamkeit neutral beobachtet. So wird vermieden, dass der Körper wieder in den Stresskreislauf gerät. Wer sich derart absichtslos und wertfrei durch den Wald bewege, nähere sich einem entspannten Wachzustand. Der entspreche doch der eigentlichen Natur des Menschen, sagt Zoë Lorek. Gute Anzeichen dafür seien, wenn jemand einen tiefen Atemzug mache, seine Schultern entspanne oder plötzlich das Bedürfnis verspüre, eine Pause zu machen. Damit die Teilnehmenden diesen Idealzustand schneller erreichen, stehen Achtsamkeits- und Atemübungen ebenso auf den Waldbaden-Programmen wie einige kreative Übungen.

Wald ist nicht gleich Wald

«Idealerweise sollte der Wald licht und einladend, aber nicht zu stark frequentiert sein und viel Abwechslung bieten», sagt Jochen Keiber, Shinrin-Yoku-Kursleiter. Ein Mischwald wirkt sich besonders positiv auf das Herz-Kreislauf-System aus. Wer allerdings gestresst ist, schaltet unter Nadelbäumen schneller ab, denn deren Duftstoffe lassen die Stresshormone rasch sinken. Gibt es den Wunschwald nur in weiter Ferne, lohnt es sich dennoch kaum, mit dem Auto dorthin zu fahren. Zumindest im Alltag ist der Stress meist vorprogrammiert. Weitaus gesünder und erholsamer ist es, möglichst oft in den nächstgelegenen Wald oder Park zu gehen und sei es nur für eine Viertelstunde.

Waldbaden in der Schweiz

Das Spektrum an Waldbaden-Programmen in der Schweiz ist gross. Es reicht von Schnupper-, Tages- über Wochenendkursen bis hin zu Ferienreisen. Wer einen Kursleiter sucht, findet ihn auf der Website netzwerkwaldbaden.ch. Dort sind die Netzwerke der Regionen «Deutsche Schweiz», «Westschweiz, Romandie» sowie «Tessin» nach Kantonen gelistet. Wer ein- oder zweimal einen mehrstündigen Kurs im Waldbaden besucht hat, kann jederzeit auch auf eigene Faust in das grüne Naturelement abtauchen. ‹

Warum Bäume wirklich heilen

Shinrin Yoku wird schon seit den 1980er-Jahren in Japan intensiv erforscht. Dass Waldmedizin mittlerweile ein eigener Forschungszweig und Studiengang ist, ist dem Immunologen Dr. Qing Li, Professor an der Nippon Medical School in Tokio, zu verdanken. In zahlreichen Tests hat der klinische Leiter der Abteilung für Rehabilitationsmedizin die gesundheitsfördernden Effekte auf Herz-Kreislauf, Stimmung und Immunsystem untersucht. Seine beeindruckenden Ergebnisse: Die Pulsfrequenz sinkt, der Blutdruck wird nivelliert und noch nach 30 Tagen war das Immunsystem aktiver als zuvor. Die Stiftung Europäische Akademie für Psychosoziale Gesundheit und Integrative Therapie sowie die Waldbaden Akademie Schweiz bilden regelmässig auch Ärzte, Psychologen und Psychiater im therapeutischen Waldbaden aus. An der Rehaklinik Hasliberg im Kanton Bern und der Clinica Holistica Engiadina wird diese natürliche Therapieform mittlerweile schon zur Behandlung etwa von Burn-out oder Suchterkrankungen eingesetzt.

Jochen Keiber aus dem Kanton Zürich schlendert mit seinen Teilnehmern fast jedes Wochenende im idyllischen Wald umher. Der zertifizierte Shinrin-Yoku- / Waldbaden-Kursleiter verrät, wie das so geht.

Welche Menschen besuchen Ihre Waldbaden-Kurse?
Zu meinen Kursen kommen vor allem Naturliebhaber, die gern Waldspaziergänge unternehmen und etwas für ihre Gesundheit tun möchten. Sie sind zwischen 25 und 70 Jahre alt. Die Jüngeren streben nach einer guten Work-Life-Balance, Menschen im mittleren Alter sind oft sehr gestresst und suchen Entspannung. Für Ältere ist Waldbaden ein schönes Angebot, weil wir viel langsamer gehen als normalerweise.

Wie gut gelingt es Gestressten, abzuschalten?
Die Hochgetakteten entlastet es, wenn sie merken, dass alles freiwillig und ohne Leistungsdruck geschieht. Deshalb gebe ich nur Impulse vor und spreche Einladungen aus. Mir ist eine schöne Gruppendynamik wichtig, davon profitiert jeder Teilnehmende.

Welche Voraussetzungen braucht es zum Waldbaden?
Das langsame Gehen und die Übungen im Stehen erfordern Gleichgewichtssinn. Zudem wird auch eine gewisse Trittsicherheit benötigt.

Passiert es, dass Teilnehmenden das Waldbaden nicht gefällt?
Bisher habe ich das nicht erlebt. Manche finden schneller als andere in die Entspannung. Aber die allermeisten haben viel Freude daran.